Bericht von Oberinspektor Xaver Meiendres vom 12.8.1948

Bericht von Oberinspektor Xaver  Meiendres vom 12.8.1948

 


Xaver Meiendres
Oberinspektor d. LP.

Höhere LP.-Schule S u d e l f e l d                                                                           Sudelfeld, den 12.8.1948

Btr.: Mord in Hinterkaifck

Bez. :Landpolizei Bayern, Chefdienststelle Schwaben

I/ Krim. Tgb.Nr.: 463/48 vom 3.8.48

 

Anl.: -2-

Unter Bezugnahme auf das Ersuchsschreiben der Chefdienststelle Schwaben, K/Krim. Vom 3.8.48, Tgb.Nr.463/48, bricht ich folgendes:

Am 1.5.1931 wurde ich auf eigenes Ansuchen von der Gend.-Station Zwiesel, Lkr. Regen, zur Gend.- Station Hohenwart, Lkr. Schrobnhausen versetzt. Nach etwa drei Wochen Aufenthalt in Hohenwart kam ich erstmals mit der Mordsache Hinterkaifeck in dienstliche Berührung. Der Tatort Hinterkaifeck liegt im Dienstbezirk Hohenwart.  Bei Hinterkaifeck handelt es sich um einen in der Ortsflur  Gröbern , Gde.Flur Wangen liegenden zur Pfarrei und zum Schulbezirk Waidhofen, Lkr. Schrobenhausen , gehörenden Einödbauernhof, der, als er wegen des vorgekommenden Mordes nicht verkauft werden konnte, etwa fünf Monat nach der Mordtat abgebrochen wurde. Der Bauernhof lag etwa 800 m westlich der Ortschaft Gröbern , links des nach der Einöde Haid am Rain führenden Feldweg. Zwischen den beiden Einöden und der südostwärts von Hinterkaifeck etwa 12 Minuten entfernten Einöde Vorderkaifeck liegt ein größerer Wald. Besitzer des Anwesens waren die Eheleute Gruber. Glaublich im Jahre 1913 übergaben sie ihr Anwesen an ihre Tochter, welche sich noch im gleichen Jahre mit dem Bauerssohn G a b r i e l ( Andreas?) von Laag, Gde. Wangen, Lkr. Schrobenhausen , verehelichte und mit diesem das  Grundstück bewirtschaftete. Das Verhältnis des Gabriel zu seinem Schwiegervater soll kein gutes gewesen sein, weil damals schon vermutet wurde, dass Gruber mit seiner leiblichen Tochter , also mit der Ehefrau des Gabriel , Blutschande trieb. Bei Ausbruch des Krieges 1914-1918 wurde Gabriel zum Heeresdienst eingezogen und ist angeblich im Jahre 1916 in Russland gefallen. Nach dem Kriege, glaublich im Jahr 1920 oder 1921 wurde Gruber wegen Blutschande , begangen an seiner leiblichen Tochter, nunmehr verwitwete Gabriel, zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. (Das Gericht, welches die Angelegenheit verhandelte, ist mir nicht bekannt). Nach seiner Entlassung , bzw. nach Verbüßung der Freiheitsstrafe, soll Gruber mit seiner Tochter weiterhin ein intimes Verhältnis gepflogen haben, das nicht ohne Folgen geblieben sein soll. Aus Furcht vor seiner abermaligen Verurteilung wegen Blutschande wandte sich Gruber angesichts des von ihm zu erwartenden, von ihm erzeugten Kindes an den verwitweten Bauern und damaligen Ortsführer Schlittenbauer in Gröbern mit dem Ansuchen, er möge die Vaterschaft für das Kind anerkennen. Nach anfänglichem Zögern soll Schlittenbauer zugesagt haben.

 

 

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Als Gegenleistung  soll ihm Gruber 5000 Mark und seine Tochter als zukünftige Frau in Aussicht gestellt haben. Als Schlittenbauer zum vereinbarten Zeitpunkt weder den Geldbetrag noch die Tochter zur Frau bekam, soll Schlittenbauer sich wie folgt geäußert haben: „Die Brut da draußen räucher ich noch aus!“ Das Verhältnis des Schlittenbauer zur Familie Gruber soll sich in der Folgezeit sehr verschlechtert haben, auch soll es wiederholt zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Gruber und Schlittenbauer gekommen sein.  

Die Familie Gruber, bestehend aus den Eheleuten Gruber, deren Tochter verwitwete Gabriel, deren 2 Kinder im Alter von glaublich 7 und 2 Jahren, lebte sehr zurückgezogen und kam mit den anderen Leuten , außer an den Kirchenbesuchen in Waidhofen, kaum in Berührung. Sie war auch als sehr geizig und habgierig bekannt und verlangte für ihre Produkte von den die dortige Gegend besuchenden Hamsterern Überpreise.

Etwa 14 Tage vor der Tat wurden 700 Mark in Gold in den Beichtstuhl der Pfarrkirche in Waidhofen gelegt. Der damalige Pfarrer Haas in Waidhofen, der die Verhältnisse seiner Pfarrkinder ziemlich genau kannte, war davon überzeugt, dass nur ein Mitglied der Familie Gruber von Hinterkaifeck das Geld in den Beichtstuhl gelegt haben konnte. Als er daraufhin  die Tochter der Eheleute Gruber zu sich kommen ließ und diese über die Herkunft des Geldes befragte, gab sie nach längerem Zögern zu, dass sie das Goldgeld für Missionszwecke in den Beichtstuhl gelegt habe. 

Etwa 8 Tage vor dem Mord ersuchte der Gruber den Ortsführer Schlittenbauer von Gröbern ( das Verhältnis hatte sich inzwischen etwas gebessert) um eine Waffe mit der Begründung, in seinem Hause sei seit einigen Tagen etwas nicht mehr in Ordnung, er vermute fremde Leute in seinem Anwesen. Schlittenbauer soll ihm daraufhin gesagt haben, er habe zwar einen alten Trommelrevolver, der aber nicht mehr zuverlässig sei, er (Gruber) soll sich doch an die Gendarmerie in Hohenwart wenden und diese in seinem Hause nochmals nachsehen lassen. Dies soll Gruber jedoch abgelehnt haben mit dem Hinweis, er wolle keinen Gendarm in seinem Hause sehen, er werde schon ohne Gendarmerie fertig werden. Er werde sich eine entsprechende Waffe bereitlegen, um sich gegebenenfalls entsprechend verteidigen zu können. Von diesem Zeitpunkt an soll Schlittenbauer mit Gruber oder einem seiner Angehörigen nicht mehr in Berührung gekommen sein.  
Glaublich am 1.4.1922 nachm. kam ein Motorenschlosser aus Pfaffenhofen a.d. Ilm zu Schlittenbauer und teilte mit, er komme soeben von Hinterkaifeck, wo er auf Bestellung den Benzinmotor repariert habe. Nachdem im Anwesen niemand anwesend gewesen sei, habe er das außerhalb des Hauses stehende Motorenhäuschen aufgebrochen und die Reparatur vorgenommen. Er (Schlittenbauer) möge so freundlich sein und die Familie Gruber sagen lassen, dass der Motor in Ordnung sei und zum Futterschneiden wieder verwendet werden könne.  
Glaublich gegen 17.30 Uhr des gleichen Tages schickte nun Schlittenbauer seinen volksschulpflichtigen Sohn nach Hinterkaifeck, um den Auftrag des Schlossers auf (sic!) Pfaffenhofen ausführen zu lassen. Als der junge Schlittenbauer im Anwesen Gruber niemand antraf, wurde er von seinem Vater nach einer Stunde nochmals dorthin geschickt. Aber auch diesmal war das Anwesen des Gruber versperrt, so dass Schlittenbauer jun. Wieder unverrichteter Dinge in sein elterliches Anwesen zurückkehrte. Unmittelbar nach Rückkehr seines Sohnes 


 

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Soll Schlittenbauer zu seinem Nachbarn gelaufen und in dessen Hof geschrien haben: „Heh, Du, geh nur gleich mit, in Hinterkaifeck sind alle erschlagen!“ Daraufhin begaben sich Schlittenbauer, der von ihm angerufene Nachbar und ein dritter Einwohner von Gröbern, deren Namen mir entfallen sind, zum Anwesen Hinterkaifeck. Dort angekommen soll Schlittenbauer das von innen versperrte Scheunentor aufgerissen haben und als Erster in das Anwesen eingedrungen sein. Als er in der Scheune die mit Stroh zugedeckten Leichen der Eheleute Gruber und deren Tochter liegen sah, soll er ausgerufen haben:“ Ha, da liegen`s ja die Herrgottsakra, jetzt sind`s hin!“ In Gegenwart der beiden Begleiter soll nun Schlittenbauer die Leichen bei den aus dem Stroh herausstehenden Füßen gefasst und nacheinander herausgezogen haben. Allen drei war mit einem scharfen Gegenstand die Schädel decke gespalten. Anschließend begaben sich Schlittenbauer und seine Begleiter in die Wohnräume des Anwesens, Schlittenbauer immer voran, wo sie glaublich in der Küche das 2 Jahre alte Kind, im anschließenden Schlafzimmer das 7 Jahre alte Kind und in der Dienstbotenkammer die etwa 7 Tage vor dem Mord bei Gruber in den Dienst getretene Magd aus Mühlried, Lkr. Schrobenhausen, tot auffanden. Alle Personen waren auf die gleiche Weise ermordet worden. Die Magd lag mit gespaltenem Schädel in ihrer Kammer halb angezogen vor ihrem Bett. Vermutlich versuchte sie wegen der Vorgänge im Haus zu fliehen, was ihr aber nicht mehr gelang. Angesichts der herumliegenden Toten soll sich Schlittenbauer anschließend in die Speise begeben, dort ein Stück Rauchfleisch, Brot und Milch geholt und an Ort und Stelle tüchtig Brotzeit gemacht haben.

 

Ob nun von Schlittenbauer, seinen Begleitern oder anderen Personen die Gendarmerie Hohenwart verständigt wurde, ich mir nicht mehr bekannt. Fest steht jedenfalls, dass die Gendarmerie in Hohenwart reichlich spät von dem Mord erfuhr, was dazu führte, dass bis zum Eintreffen der Gendarmerie der Tatort von unzähligen Menschen betreten worden war und die vorhandenen Spuren restlos vernichtet waren, so dass sie für eine Auswertung nicht mehr in Frage kommen konnten.

 

Durch die späte Entdeckung des Mordes konnte die Tatzeit nicht mehr genau festgestellt werden. Die allgemein bekannte Zurückgezogenheit der Familie Gruber hatte zur Folge, dass es nicht weiters auffiel, wenn sie oder eines ihrer Mitglieder oft tagelang nicht gesehen wurde. Wie aus den Akten hervorging, wurde als Tatzeit die Zeit vom 29.3. bis 1.4. einschließlich angenommen. Wäre nicht der Maschinenschlosser aus Pfaffenhofen, dessen Name mir nicht mehr bekannt ist, zum Anwesen des Gruber gekommen, so würde sehr wahrscheinlich das Verbrechen noch später entdeckt worden sein. Ob es sich um einen Mord aus Rache oder um einen Raubmord handelte, konnte nicht einwandfrei geklärt werden, weil nach der Tat im Keller glaublich noch 1200 Mark Goldgeld gefunden wurden, ein Umstand, der mehr auf einen Racheakt als auf einen Raubmord schließen ließ.

 

Im Laufe der Ermittlungen wurde festgestellt, dass der oder die Täter bereits einen oder zwei Tage vor dem Mord im Anwesen des Gruber genächtigt haben mussten. Im Heustock wurden zwei Vertiefungen festgestellt, in denen die Täter vermutlich schliefen. In der Nacht zum 29.3. 22 war Neuschnee gefallen. Nach Zeugenaussagen soll am 29.3.22 aus dem nahen Wald und zwar aus Richtung Vorderkaifeck eine Fußspur im Schnee zum Anwesen Hinterkaifeck geführt haben. Eine zweite Spur vom Anwesen zum Wald soll nicht festgestellt worden sein. Daraus ist zu schließen, dass der Täter sich in der Nacht zum 29.3.22 in das Anwesen Hinterkaifeck begeben hat und erst nach Ausführung des Mordes,

 

 

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Bzw. nach dem Verschwinden des Schnees, das Anwesen verließ. Vermutlich hielt sich der Täter noch einige Zeit am Tatort auf, weil den Umständen nach das Vieh gefüttert worden sein musste. Die in der näheren Umgebung von Hinterkaifeck mit der Frühjahrsbestellung beschäftigten Bauern der umliegenden Ortschaften und Gehöfte nahmen, soweit festgestellt, kein Unruhigwerden des hungernden und durstenden Viehs wahr. Bekanntlich genügt das Ausbleiben einer vom Vieh gewohnten Mahlzeit, um ein kräftiges Gebrüll hervorzurufen. Dieser Umstand berechtigte zu der Annahme, dass der Täter ach seiner Tat noch eine geraume Zeit im Anwesen Gruber verblieb und das Vieh fütterte. Tatsächliche Beweise sind nach meiner Erinnerung jedoch nicht vorhanden.

 

Die nun eingeleiteten Ermittlungen führten nacheinander zu einer Reihe von Festnahmen. Unter den der Tat dringend Verdächtigen befand sich auch der Ortsführer Schlittenbauer von Gröbern. Dieser wurde ebenfalls festgenommen, aber nach einer etwa sechsmonatigen Untersuchungshaft wegen Mangels an Beweisen wieder auf freien Fuß gesetzt, weil der gegen sie (sic!) gehegte Tatverdacht sich als unbegründet erwies.

 

Ein gewisser Bäcker B ä r t h e l ( sic!) aus Geisenfeld, Landkreis Pfaffnhofen /Ilm ,war ebenfalls der Tat dringendst verdächtig, weil er sich wiederholt in der Gegend von Hinterkaifeck aufgehalten und die Familie Gruber des öfteren besucht hat.Bärthel ist seit dem Mord spurlos verschwunden und konnte bis heute nicht aufgefunden werden. Vermutlich ging Bärthel ins Ausland. Dieser wurde auch mehrere Jahre hindurch wegen Raubmords in Hinterkaifeck steckbrieflich verfolgt.

 

Der bereits erwähnte Pfarrer Haas von Waidhofen äußerte sich im Frühjahr 1931 einmal dahingehend, dass der Mörder von Hinterkaifeck wohl nicht mehr am Leben sei, berief sich aber gleichzeitig auf das Beichtgeheimnis. Die Bemühungen beim Vatikan, welche die Entbindung des Pfarrers Haas vom Beichtgeheimnis zum Ziele hatten, waren von Erfolg. Haas, der inzwischen nach Augsburg versetzt worden und sehr stark herzleidend war, erlag kurze Zeit später einem Herzschlag; Haas war also beim Eintreffen der Aussageerlaubnis aus Rom nicht mehr am Leben.

 

Soviel mir bekannt, wurden im Laufe der Erhebungen nicht weniger als 107 Personen  des Mordes verdächtigt, ohne jedoch zu einem greifbaren Ergebnis zu kommen. Unter den Verdächtigen befanden sich auch 3 Brüder des bereits erwähnten Gabriel aus Laag, Gde. Wangen, Lkr. Schrobenhausen. Der Verdacht gegen die Brüder wurde damit begründet, diese hätten ein Interesse daran gehabt, die ihrem Bruder von dessen Eltern anlässlich der Einheirat in Hinterkaifeck mitgegeben Mitgift von 5000 Mark und Aussteuer wieder in ihren Besitz zu bringen. Diese Verdachtsgründe erwiesen sich jedoch als haltlos.

 

Glaublich im Jahre 1934 gab ein Brief von einer gewissen, damals in Augsburg wohnhaften Frau Miesl ? , die aus Wangen, Lkr. Schrobenhausen, stammte und sich nach Augsburg verehelichte, Anlass zur Festnahme der besagten Gebrüder Gabriel. In dem an die Gendarmerie in Hohenwart gerichteten Brief wurden die Gebrüder Gabri el des Mordes von Hinterkaifeck bezichtigt. Die Miesl war zur Tatzeit bei den Eltern der Gabriel als Magd bedienstet. Während der Stockrodung im nahen Wald will Miesl nach ihren brieflichen Angaben mit den Brüdern Gabriel in Streit geraten sein, im Verlaufe dessen sie den Gabriel den Mord von Hinterkaifeck vorgeworfen haben will. Einer der Brüder soll darauf erwidert haben, wenn sie nicht ihren Mund halte und noch ein Wort verliere, würde er sie auf der Stelle und zwar auf die gleiche

 

 

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Weise wie die Hinterkaifecker erschlagen , in ein Stockloch werfen und verscharren. Soweit zum Inhalt des Briefes.


Die umfangreichen Erhebungen in dieser Richtung, welche im Auftrage der Staatsanwaltschaft Augsburg von dem damaligen Kommissär der Gendarmerie Peter Schuster vom Gend. –Posten Sandizell , Lkr. Schrobenhausen und mir durchgeführt wurden, führte zur Festnahme der drei Brüder Gabriel , von denen einer das elterliche Anwesen in Laag übernommen hatte, der zweite in Rettenbach ein schönes Anwesen mit Gastwirtschaft besitzt und der dritte in Schlott Gde. Seibersdorf, Lkr. Schrobnhausen ein ansehnliches landwirtschaftliches Anwesen käuflich erwarb. Die damaligen Erhebungen gingen dahin, festzustellen woher die in Rettenbach, bzw. Schlott wohnhaften Gebrüder Gabriel die Mittel zum Erwerb ihrer Anwesen hatten. Allgemein bekannt waren die sehr guten wirtschaftlichen Verhältnisse der Eltern der Gabriel. Es konnte nachgewiesen werden, dass der Kauf der gen. Anwesen fast ausschließlich vom elterlichen Anwesen und aus eignen Ersparnissen finanziert worden war. Da weitere stichhaltige Verdachtsgründe nicht vorhanden waren und auch nicht ermittelt werden konnten, wurden die Gebrüder Gabriel nach etwa 3 Wochen aus der U-Haft entlassen.

 

Richtig ist, dass die Gabriels bei der Zertrümmerung des Anwesens Hinterkaifeck einen schönen Gewinn erzielten. Inwieweit sie nun durch die durch die Einheirat ihres Bruders in Hinterkaifeck begründete Verwandtschaft erbberechtigt waren, ist mir nicht bekannt.

 

Vermutlich im Frühjahr 1936 kam die damals  etwa 20 Jahre alte Gemeindehirtentochter Maria Pfleger aus Deimhausen zum Gend. Posten Hohenwart  und bezichtigte ihren eigenen Vater , den verh. Gemeindehirten Joseph Pfleger aus Deimhausen des Mordes in Hinterkaifeck. Bei ihrer Einvernahme schilderte sie mit erstaunlicher Genauigkeit die Einzelheiten des Mordes, die sie von ihrem Vater wissen wollte. U.a. gab sie an, sie hätte ihren Vater nach der Mordtat-es sei glaublich am 29.3.22 abends gegen 11 Uhr ( 23 Uhr) gewesen, in die Küche der elterlichen Wohnung kommen sehen. Dabei hätte sie die Wahrnehmung gemacht, dass ihr Vater blutige Hände, Blutspritzer im Gesicht und an seiner Kleidung gehabt hätte. Auf ihre Frage, wo er denn herkomme, hätte er erwidert, er hätt soeben die Hinterkaifecker umgebracht. Anschließend hätte er seine Hände vom Blut gereinigt und die mit Blut besudelten Kleidungsstücke ausgezogen und im Herd verbrannt.

 

Die Pfleger war zur Tatzeit etwa 6 Jahre alt. Ihr Vater war ein leichtlebiger  Mensch und neigte zur Trunksucht. Auf gelegentliche Zechprellereien kam es ihm nicht an, aber im Grunde war Pfleger ein gutmütiger, erträglicher Mann, der niemand weh tun konnte.

 

Auf Grund der Angaben seiner Tochter wurde Pfleger gemäß Weisung der Staatsanwaltschaft in Augsburg festgenommen, aber bereits am folgenden Tage wieder entlassen, weil die von seiner Tochter vorgebrachten Verdächtigungen jeder Grundlage entbehrten. Vermutlich war es der Pfleger nur daran zu tun, di für die Aufklärung des Mordes in Aussicht gestellte Belohnung von 1000 Mark zu erhalten.

 

Das Mordwerkzeug konnte erst bei den Abbrucharbeiten des Anwesens Hinterkaifeck im Fehlboden versteckt aufgefunden werden. Es handelt sich um eine mit einem langen Stiel versehene Hacke, an der bei der Auffindung eine ansehnliche Menge Blut klebte. Sehr wahrscheinlich handelte s sich um die Verteidigungswaffe, die sich Gruber 

 

 

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unmittelbar vor dem Mord zurechtrichtete, um sich und seine Angehörigen im Falle eines Angriffs verteidigen zu können.

 

Die Bevölkerung der dortigen Gegend war damals und vermutlich auch heute noch der festen Überzeugung, dass kein anderer als Schlittenbauer der Mörder sei. Schlittenbauer ist glaublich im Jahre 1943 verstorben. Auch von den übrigen Personen, soweit sie als Verdächtige oder Zeugen infrage kamen, dürften nur mehr wenige Leute am Leben sein, da s sich fast ausschließlich um Leute im vorgerückten Alter handelte.

 

Alle Erhebungen, die damals von auswärtigen Kriminalbeamten und der Gend. Hohenwart nach allen erdenklichen Richtungen hin durchgeführt wurden, waren ergebnislos. Der dringendste Tatverdacht richtete sich seinerzeit gegen den bereits erwähnten Bäcker Bärthel aus Geisenfeld, der seitdem unbekannt wohin verschwunden ist. An zweiter Stelle der Verdächtigen stand der nunmehr verstorbene Bauer Schlittenbauer aus Gröbern. Die Verdachtsgründe wurden bereits eingehend geschildert.

 

Die diesbezüglichen Ermittlungen wurden laufend weitergeführt und erstreckten sich bis in die Gegend von Lindau, Passau, Ingolstadt, Augsburg usw. Dass hierbei jede Möglichkeit wahrgenommen und jeder noch so fadenscheinige Verdachtsgrund verfolgt wurde, zeigt der Umstand, dass der Mordakt von Hinterkaifeck bereits im Jahre 1934 nicht weniger als 105 Pfund wog.

 

Die beiliegende Vernehmungsniederschrift des mir persönlich unbekannten Oberlehrers Selwanger  von Jesenwang hat die Verdächtigung der Gebrüder Gabriel zum Ziele. Es erscheint mir unklar, warum Selwanger nicht schon damals , also unmittelbar nach dem Mord sine Angaben gemacht hat. Es wär wohl von Wichtigkeit von Selwanger zu erfahren, in welcher Lage er die Leichen von Hinterkaifeck bei seinem Besuch am 4.4.22 angetroffen hat, bzw. welche Wahrnehmungen er beim Betreten des Anwesens Hinterkaifeck machen konnte. Auch das Verhalten des Schlittenbauer ihm gegenüber wäre wichtig, ferner, was er über die Entdeckung des Mordes und dessen Hintergründe zu sagen weiß. Über die gegen Schlittenbaur vorhandenen Verdachtsgründe ist Selwanger bestimmt genauestens orientiert, da er damals als Lehrer in Waidhofen tätig war. Das bei dem Mord umgekommene Mädchen war bereits schulpflichtig. Selwanger könnte als Lehrer darüber Auskunft geben, wann das Kind das letzte Mal in der Schule war, bzw. wie viele Tage es bis zur Entdeckung ds Mordes im Unterricht fehlte. Es berührt eigenartig, dass sich Selwanger über diese wichtigen Punkte ausschweigt und nur nebensächlich Dinge anführt, ohne sie näher zu begründen. Eine nochmalige Einvernahme des Selwanger dürfte daher zweckmäßig erscheinen.

 

Ich möchte aber abschließend ausdrücklich darauf hinweisen, dass meine Darlegungen ausschließlich auf Erinnerungen beruhen; irgendwelche Unterlagen stehen mir nicht zur Verfügung.

 

N.B. Der in der Vernehmungsniederschrift des Selwanger erwähnte Friseur Schöffer von Hohenwart ist bis heut dort noch wohnhaft. In der dortigen Gegend dürften sich noch mehrere Personen befinden, die über die Mordsache näher Angaben machen können. Dem die Vernehmung durchführenden Beamten müsst jedoch die Einstellung der dortigen Bevölkerung zum Mord Hinterkaifeck genauestens bekannt sein, da sie eine gewisse Abneigung gegen das Auftreten als Zeugen an den Tag legt und alle Bemühungen für die Aufklärung des Verbrechens wegen der inzwischen eingetretenen großen Zeitspanne für zwecklos hält. 

 

Meiendres

 

Oberinsp. d. LP
 


Quellenhinweis:
Die eingestellten Akten werden im Staatsarchiv Augsburg unter der Archivsignatur
StAnwA 1 Js 244/52
verwahrt.

 



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