Vernehmung Johann Schlittenbauer

Vernehmungsniederschrift vom 17.12.1951

 

Aufgesucht in seiner Wohnung, mit dem Gegenstand der Vernehmung vertraut gemacht und zur Wahrheitsangabe ermahnt, gibt Johann Schlittenbauer folgendes an:

 

Zur Person:

 

Schlittenbauer, Johann, verh. Landwirt, geb am 27.3.1906 in Gröbern, Gmde. Wangen, LK Schrobenhausen, wohnhaft in Gröbern Haus Nr. 27 1/2 , Gmde. Wangen, LK Schrobenhausen.

 

Zur Sache:

 

An die Mordtat in Hinterkaifeck kann ich mich noch gut erinnern. Ich war damals 16 Jahre alt. Mein Vater, Lorenz Schlittenbauer, der am 20.5.1942 verstorben ist, war seinerzeit Ortsführer von Gröbern. Am Dienstag, den 4.4.1922, zwischen 14-15 Uhr, kam ein Monteur , dessen Namen ich nicht weiß, am Anwesen meiner Eltern in Gröbern vorbei. Wir wohnten seinerzeit im Anwesen Hs. Nr. 20. Dieser Monteur sagte zu meinen Schwestern Maria und Viktoria, erstere nun verh. Böck, wohnhaft in Koppenbach, letztere verh. Baum, wohnhaft in Schrobenhausen, Bahnhofstraße (Bäckerei), dass er in Hinterkaifeck war, dort den Motor gerichtet habe, man möchte so gut sein und dies den Hinterkaifeckern ausrichten, da dort niemand zuhause war. Der Monteur hat weiter gesagt, dass er im Motorenhaus aufgebrochen habe, um den Motor richten zu können.

 

Zuhause hat man dann Brotzeit gemacht. Dabei hat man von dem Ersuchen des Monteurs gesprochen. Mein Vater, Lorenz Schlittenbauer, hat dann meinen Stiefbruder Josef Schlittenbauer und mich beauftragt, nach Hinterkaifeck zu gehen , um dort auszurichten, dass der Monteur den Motor gerichtet habe. Mein Stiefbruder Josef, der damals 9 Jahre alt war und im Jahre 1944 in Russland gefallen ist und ich begaben sich nach Hinterkaifeck. Dort kamen wir so gegen 15-15.30 Uhr an. Die Türen waren alle verschlossen. Wir sahen zu den Fenstern hinein, konnten aber niemand sehen. Glaublich sahen wir auch die Post am Fenster stecken. Nachdem wir niemand antreffen konnten, gingen wir um das ganze Haus herum. An der Stallung haben wir von außen an die versperrte Stalltüre hingestoßen. Daraufhin hat der Hund im Stall gebellt. Er hat nur einige Beller getan. Vom Hofraum aus haben wir zum Wald hin die Namen Anderl und Viktoria gerufen, aber auch keine Antwort erhalten. Mit dem Namen "Anderl" war der alte Bauer Gruber und mit dem Namen "Viktoria" war Frau Gabriel gemeint. Da wir keine Antwort erhielten, gingen wir nach Hause zurück. Dort haben wir unserem Vater gesagt, dass wir in Hinterkaifeck niemanden antreffen konnten.

 

Nachdem wir unserem Vater gesagt hatten, dass wir in Hinterkaifeck niemanden antreffen konnten, meinte er, da der Briefträger die ans Fenster gesteckte Post vom Samstag dort noch vorfand, ein Hausierer, dessen Namen ich nicht weiß, sowie ein Bub glaublich namens Siegl von Rachelsbach, keinen Einlass bekamen und der Monteur gesagt hatte, dass er niemanden antreffen konnte, nun wolle er mit dem Nachbarn Siegl sprechen, was der sage. Siegl und mein Vater verabredeten sich in Hinterkaifeck Nachschau zu halten. Mich schickte mein Vater zu Michael Pöll, dem ich sagen musste, er solle zu meinem Vater kommen. Pöll ist inzwischen gestorben. Siegl lebt noch; er wohnt in Schiltberg bei Aichach.

 

Mein Vater, Siegl und Pöll begaben sich dann nach Hinterkaifeck. Mein Bruder Josef und ich gingen mit. Nachdem die 3 Männer auch keinen Einlass fanden und auf ihr Rufen niemand angab, begaben sie sich durch die zugemachte jedoch nicht versperrte Stadeltüre am Stadeltor vom Hofraum in den Stadel. Von dort aus haben sie eine Türe zur Futterkammer eingesprengt, durch welche sie dann durch die Futterkammer zur Stallung und ins Haus gelangen konnten. Die Türe von der Futterkammer zur Stallung war ausgehängt und lag in der Futterkammer. Pöll, der hinter meinem Vater und Siegl durch die Futterkammer zur Stallung gehen wollte, sagte zu mir und meinem Bruder: " Buben wenn`s draußen bleiben tats wär`s besser, ich hab mal einen Gehängten gesehen und das macht keinen guten Anblick." Mein Bruder und ich gingen aber trotzdem den 3 Männern nach. Auf einmal sagte Pöll:"Halt, halt, da ist ein Kalbshaxen." Dies war in der Futterkammer. Dort war es etwas dunkel. Mein Vater und Siegl, die vorausgegangen waren, gingen etwas zurück. Sie hoben die in der Futterkammer liegende Stalltüre hoch und weg und fanden dann die Leichen vor. Als erste Leiche kam jene des alten Gruber zum Vorschein. Auf den Leichen lag etwas Stroh und darauf die Stalltüre. Wie die anderen Leichen nebeneinander lagen, ob jene der Frau Gruber oder der Frau Gabriel zuerst lag, kann ich nicht mehr sagen. Es hat sich um die Leichen des alten Gruber, dessen Frau, der Frau Gabriel und deren Tochter gehandelt. Soviel ich mich erinnern kann, sagte mein Vater, jetzt müsse er sehen wo der kleine Bub ist. Dass auch die Magd vorhanden war, wusste man zu dieser Zeit noch nicht. Mein Vater fand den Buben in einem Zimmer ebenfalls tot. Ob der Bub im Schlafzimmer der Frau Gabriel oder im Schlafzimmer der Eheleute Gruber oder sonstwo lag, weiß ich nicht. Dorthin bin ich nicht gekommen. Wer die getötete Magd gefunden hat, kann ich auch nicht sagen.

 

Als die Leichen in der Futterkammer gefunden waren, schickte mich mein Vater sofort zum Bürgermeister nach Wangen, um dort zu sagen, dass die Leute in Hinterkaifeck alle umgebracht seien, er solle sofort die Gendarmerie verständigen. Der Bürgermeister wollte dies zuerst nicht glauben. Auf mein wiederholtes Vorbringen hat der Bürgermeister Greger die Gendarmerie verständigt.

 

Bevor ich von meinem Vater zur Verständigung des Bürgermeisters weggeschickt wurde, war ein gewisser Josef Kreitmeier, der auch schon gestorben ist mittels Fahrrad nach Hinterkaifeck gekommen. Er ließ mich hinten aufstehen und fuhr mit mir nach Gröbern. Unterwegs riefen wir den Leuten zu, dass in Hinterkaifeck alle erschlagen worden seien. Nach Verständigung des Bürgermeisters begab ich mich wieder nach Hinterkaifeck. Dort waren inzwischen ziemlich viele Leute angekommen. Mein Vater hatte inzwischen von Waidhofen aus die Gendarmerie in Schrobenhausen und Hohenwart benachrichtigen lassen. Mein Vater wollte die Leute nicht in das Haus in Hinterkaifeck lassen. Als die Gendarmerie angekommen war, hat diese die Absperrung getätigt. Dennoch kamen eine Menge Leute ins Haus.

 

Über den weiteren Sachverhalt innerhalb des Hauses und der weiteren Veranlassung kann ich keine Angaben machen. Die Gendarmeriebeamten Goldhofer und Blank waren glaublich als erste Polizeibeamte am Tatort anwesend.

 

Wie ich bereits angegeben habe, war das Gebäude in Hinterkaifeck überall versperrt. Lediglich die Türe am Stadeltor war nicht versperrt, jedoch zu. Der Hund hat im Stall gebellt, als mein Bruder und ich an die Stalltüre hingestoßen haben. Die Leichen lagen in der Futterkammer. Die Leichen des Buben und der Magd habe ich nicht gesehen. Ich kann deshalb nicht sagen, wo diese lagen. Bei unserem Ankommen hat das Vieh nicht gebrüllt. Ob das Vieh Futter bekommen hat, kann ich nicht sagen. Gehört habe ich, dass das Vieh hernach viel Wasser gesoffen haben soll. Es soll der ganze Brunnen ausgeschöpft worden sein. Ich nehme an, dass das Vieh infolge Durst nicht mehr brüllen konnte. Ob Vieh aus dem Stall entwendet worden war und wieviel Stück Vieh vorhanden waren, weiß ich nicht. In den Hof in Hinterkaifeck bin ich nur selten gekommen. Die Leute in Hinterkaifeck waren etwas Sonderlinge, sie ließen fremde Leute nicht gerne in ihre Behausung. Glaublich bin ich nur einmal in die Küche auf dem Hof in Hinterkaifeck gekommen. In die anderen Räume wie Wohnstube, Schlafzimmer usw. bin ich nicht gekommen. Wer das Vieh getränkt, gefüttert und wer die Kühe gemolken hat, nachdem die Mordtat aufgekommen war, kann ich nicht sagen.

 

An die Stelle, wo im Heu Liegestätten und Speckschwarten gefunden sein sollen, bin ich nicht gekommen. Davon hörte ich allerdings reden. Von einem Heuseil weiß ich auch nichts. Die Gebäulichkeiten in Hinterkaifeck habe ich einigermaßen so in Erinnerung, wie ich sie aufgezeichnet habe. An der Nordseite befand sich ein Eingang zur Küche, je ein solcher zum Motorenhaus und zur Futterkammer. Am Eingang von Norden zur Futterkammer wurde immer das Futter abgeladen. Ob nun von diesem Futterkammerraum zum größeren Futterkammerplatz eine Zwischenwand aufgeführt war, kann ich nicht sagen. Auch kann ich nicht sagen, ob dieser Raum in mehrere Abteilungen eingeteilt war. Ferner kann ich nicht genau sagen, ob man von der Türe an der Nordseite direkt in die Küche oder zuerst in einen Gang und dann in die Küche und die anderen Räume gelangen konnte. Der Haupteingang zum Wohnhaus war von der Südseite vom Hofraum aus. Der Eingang zur Stallung war auch von der Südseite. Von der Westseite konnte man in den Stadel. Von dort konnte man zur Futterkammer und zur Stallung gelangen. An der Ostseite befand sich auch ein Stadeltor. Wo der Maschinenraum war, weiß ich nicht, desgleichen weiß ich nicht wie die Fenster am Gebäude angebracht waren. Bei dem Wohngebäude hat es sich um einen sog. Kniestock, also Parterre und Dachraum gehandelt. Wie das Wohngebäude im Dachgeschoß ausgebaut war, kann ich nicht sagen. Dorthin bin ich nie gekommen. Ob man vom Motorenraum innen auch zur Futterkammer oder zum Stadel gelangen konnte, weiß ich nicht. An der Südseite des Hofraums stand eine Holzhütte, die nach dem Hof zu offen war. Die Rückwand der Gebäulichkeit war an dem Weg Gröbern-Schrobenhausen. Umfriedet war der Hof meines Wissens nicht.

 

Erwähnen möchte ich noch, dass mein Vater erzählte, er habe am Donnerstag ( 30.3.1922) vor der Tat in Hinterkaifeck ganz in der Nähe des Hofes geackert. Hierbei habe er den alten Bauern Gruber etwas suchen sehen und diesen dann gefragt, was er suche. Gruber habe gesagt, er glaube, dass bei ihm welche einbrechen wollten, es sehe so aus, als wenn mit einem Stemmeisen die Türe zur Futterkammer geöffnet werden sollte. Es handelte sich um die Türe, die von Norden zur Futterkammer führte. Mein Vater hat, wie er erzählte, zu Gruber gesagt:"Wenn glaubst, dass jemand drin war bzw. ist, gehe ich heim und hol meinen Browing (Anm. Browning?) ." Gruber habe erwidert, einen und zwei fürchte er nicht. Daraufhin unternahm mein Vater nichts weiter. Um welche Uhrzeit mein Vater mit Gruber sich seinerzeit unterhalten hat, kann ich nicht sagen. Einem gewissen Stegmaier von Gröbern hat Gruber damals auch den Verdacht des Einbruches erzählt, als dieser auf dem Weg am Anwesen in Hinterkaifeck vorbeigegangen ist. Stegmaier ist inzwischen auch gestorben.

 

Von Dachlücken habe ich seinerzeit am Anwesen in Hinterkaifeck nichts gesehen. Ich kann deshalb nicht sagen, ob durch solche von dem Täter Ausschau gehalten wurde.

 

Einen Eser Mathias oder Kerner Hiasl von Schrobenhausen kenne ich nicht. Ob dieser früher als Bub und hauptsächlich zur Zeit der Mordtat nach Gröbern und Hinterkaifeck gekommen ist, kann ich nicht sagen. Ich kann mich an keine Buben erinnern, die damals zum Betteln kamen. Erst in jüngster Zeit habe ich durch die Zeitung von Eser erfahren. An dessen Vorbringen hinsichtlich dem Vorgang mit dem russischen Kommissar glaube ich nicht.

 

Meine Angaben habe ich freiwillig und ohne Zwang gemacht , wie ich den Vorfall noch in Erinnerung habe. Wenn erforderlich, bin ich bereit und in der Lage, meine Angaben bei Gericht eidlich zu bekräftigen.

 

 

 

gez. Johann Schlittenbauer


geschlossen Nußbaum (OKomm. d.LP)



 

Quellenhinweis:
Die eingestellten Akten werden im Staatsarchiv Augsburg unter der Archivsignatur
StAnwA 1 Js 244/52
verwahrt.

 



 

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